Erfahrungsbericht: Maike (16 Jahre)

Mein Papa war 6 Wochen in der Kur. Als er wieder kam, hat man sofort gemerkt, es hat sich irgendwas geändert, vor allem zwischen meiner Mama und meinem Papa. Allerdings nur positiv. Die beiden haben viel zusammen unternommen, was sie sonst nie gemacht haben. Aber ca. 4 Wochen nachdem er wieder zu hause war, wollte er mit mir reden. Er hat mich in die Küche gerufen und da saßen auch schon meine Mama und mein Papa. Als mein Papa angefangen hat zu reden, wurde mir immer klarer irgendwas Schlimmes muss passiert sein und der einzige Satz der mir jetzt noch einfällt, der in meinem Kopf geblieben ist, ist "ich glaube ich bin schwul." Für mich ist eine kleine Welt zusammen gebrochen. Ich war immer der Überzeugung, dass unsere Familie für immer bestehen würde und dass meine Eltern eine glückliche Ehe führen. Aber da habe ich mich wohl getäuscht…

Seitdem ich es erfahren habe streite ich mich leider sehr oft mit meinem Papa, aber auch nur wegen Kleinigkeiten, was auf Dauer auch sehr anstrengend ist. Oft saß ich mit meiner Mama abends zusammen und wir haben unsere Gefühle und Gedanken darüber ausgetauscht, woran ich auch gemerkt habe, dass es ernst ist und nicht nur eine vorübergehende Situation die sich hoffentlich bald wieder zum normalen entwickelt. Vor kurzem viel der Satz: "ich habe keine Lust mehr und mach das nicht mehr lange mit" von meinem Vater. Das war das erste Mal als ich wirklich Angst bekommen habe, dass meine Eltern sich doch trennen. Ich kann mir das gar nicht vorstellen falls es irgendwann mal passieren würde, was ich dann machen würde, ob ich damit klar kommen könnte oder ob für mich wirklich eine kleine Welt zusammen bricht. Denn ich liebe meine Familie und möchte einfach nicht, dass jemals so was passiert.

Mein Bruder und ich haben ebenfalls das Seminar "Mein Papa ist schwul" besucht. Für mich war es eine sehr große Hilfe endlich mal mit jemanden drüber reden zu können, hin zu kam, dass alle Jugendlichen mehr oder weniger das gleiche durchgemacht haben wie ich und wie sie jetzt damit leben müssen und können. Es war für mich sehr überraschend plötzlich so offen mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Am letzen Tag unseres Seminars, haben wir für einige Zeit ganz persönlich nur über mich gesprochen. Mein Anliegen war, dass mir die anderen Tipps geben könnten wie ich mal ein offenes Gespräch mit meinem Papa führen kann. Ich muss sagen, alle waren super lieb und haben mir wirklich geholfen, wir haben zusammen einen "Brief" erstellt mit fragen die mir auf dem Herzen liegen , die ich meinem Papa stellen möchte und ich glaube ich hätte niemals diesen Mut gehabt so etwas zu machen ohne die Hilfe der anderen. Dieses Gespräch hat dann auch stattgefunden.

Ein großes Anliegen von mir war, dass meine Eltern eine Therapie machen, was sie mir dann auch versprochen haben. Ich glaube, das würde nicht nur den beiden gut tun, sondern der ganzen Familie. Wie unsere Zukunft aussehen sollte konnte er mir allerdings nicht sagen, weil er meint er weiß selbst noch nicht was er wirklich will ob er jetzt wirklich schwul ist oder doch hetero. Das einzige was mir im Moment bleibt ist die Hoffnung, dass alles irgendwann mal wieder in Ordnung ist und wir ein glückliches Leben wie auch bisher weiter führen können. Obwohl diese Ungewissheit schrecklich ist…

Mehr kann euch leider momentan nicht sagen, weil ich selbst nicht mehr weiß, aber alles was sich in Zukunft verändert und wie ich damit umgehe, trag ich selbstverständlich nach. Auch für Fragen steh ich euch gerne zur Verfügung…

Maike