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Wo fange ich am Besten an? Ganz vorne, ja... Ich war verheiratet...10 Jahre lang. Ich habe meine Ex-Frau kennengelernt, als ich 17 und sie 15 Jahre alt war. Wir sind durch Freunde verkuppelt worden. Ich war damals äußerst schüchtern und verschlossen. Ich habe bei dem allen gedacht, daß muß alles so sein. Ich will nicht sagen, daß es mir am Anfang keinen Spaß gemacht hat...aber es war auch nicht das Wahre! Und ja: ich habe mir lieber die Herrenunterwäscheseite im Otto-Katalog angesehen, aber ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß ich schw...(dieses Wort schon!) sein könnte. Mein Leben war von mir selber verplant: Heiraten, ein Jahr später Kind, mit spätestens 30 ein Haus, mit 55 in Rente.... Mit 30 war mein Leben eigentlich perfekt. Ich hatte bislang alles erreicht: Mein Sohn war mein Leben, mit meiner damaligen Frau gab es niemals Streit (Freunde wunderten sich immer, wie harmonisch es bei uns war) , wir hatten einen netten Freundeskreis, flogen einmal im Jahr in den Süden....eben ein glückliches normales Leben. Ich muß so 31 / 32 gewesen sein, da veränderte ich mich. Rein äußerlich hatte ich einen kompletten Image-wechsel. Brille wurde durch Kontaktlinsen ersetzt, Schnurrbart wurde abrasiert, modisches Zeug wurde gekauft...alles nur äußerliche Merkmale und ich selber wußte auch nicht, was los war. Ich hatte keine Lust mehr, nach Hause zu gehen und hielt mich lange in der Stadt auf. Ich tat in keinster Weise etwas Unanständiges: Ich sah mir T-Shirts, Hemden und Hosen an, beobachtete die Preisreduzierungen und kaufte mir die Dinge, die ich seit Tagen/Wochen im Blick hatte, zum günstigen Preis...und solange sie noch da waren. Freunde und Verwandte waren begeistert von meiner langsamen Wandlung. (das alles hat sich ja nicht innerhalb von drei Tagen abgespielt). Irgendwann bekam ich dann Depressionen. Oft sagte ich zu meinem Sohn: "Der Papa ist traurig". Wußte selber nicht, warum. Ende 1998, also schon im Dezember, da...war ich in der Stadt wieder bummeln und lernte zufällig einen jungen Mann kennen, der mir symphatisch war, offensichtlich auch schwul, aber nicht aufdringlich. Der fragte nur, ob ich einen Kaffee mit ihm trinken wollte. Gott, hatte ich Angst: dachte ich doch, der Kerl würde mich an der nächsten Ecke aufschlitzen oder so. Wir sind also ins Cafe, haben uns nett unterhalten, und haben uns dann wieder getrennt. Mehr nicht! Danach kam ich nicht zur Ruhe. Ich glaubte, ich hätte mich verliebt. Bald suchte ich ihn, versuchte aus dem mir Erzählten herauszufinden, wo er wohnt. Rief sämtliche Telefonauskünfte an und ließ mich in viele Haushalte verbinden, um ihn irgendwann zu hören. Leider vergeblich. Selbst Anzeigen in Zeitungen halfen nichts. Aber die Träume und Gedanken an ihn hörten nicht auf. Ich muß dazu sagen, daß ich all dieses ja heimlich machen mußte. Und ich hatte bislang keine Heimlichkeiten vor meiner Frau gehabt! Und noch eines sei erwähnt: mir wäre zu diesem Zeitpunkt nie der Gedanke gekommen, ich sei schwul. Nein, nicht der Ansatz des Gedankens. Im Januar 1999 traf ich den jungen Mann dann zufällig wieder. Ich erzählte ihm alles und er war angetan von meinen Bemühungen. Wir verabredeten und trafen uns dann ein paar Tage später. Dort kam es dann zu meinem ersten körperlichen Kontakt mit einem Mann. Es war aufregend. Es war schön. Ich fühlte mich dabei schlecht. Ganz komisch war an dieser ganzen Lage, daß ich alle meine Handlungen verdrängte, sobald ich nach Hause fuhr. Meine Ex sagte einmal, ich hätte sie betrogen und ich denke noch heute darüber nach, ob es ein Betrug ihr gegenüber war...wie konnte es, wo ich doch nichts mehr wußte? Eine Streitfrage, die ich noch nicht beantwortet habe. Im März war es dann soweit: die Stimmung bei uns zu Hause wurde immer schlechter und meine Frau, sonst geduldig mit mir und meinen depressiven Phasen, fragte eines Tages, ob ich sie noch liebe. Ich antwortete für sie völlig überraschend, daß ich es nicht wüßte. Und das war die Wahrheit. Sie rannte ins Schlafzimmer, ich folgte ihr, ich tröstete sie...(es fällt mir immer noch schwer, daran zurückzudenken) und sie fragte, ob ich eine andere hätte. Wieder ein Augenblick, wo ich hätte kneifen können. Ich sagte ihr, daß ich einen Mann kennengelernt hätte. Völliger Zusammenbruch ihrerseits und der Spruch: "Gegen einen Mann habe ich keine Chance." Trotzdem versuchten wir nach dem ersten Schock die Lage zu analysieren und Alternativen zu finden. Damals konnte ich nicht sagen, was ich war. Ich wußte es nicht. Also sind wir zu den diversen Beratungsstellen (Pro Familia, Rat & Tat etc.). Und jedesmal habe ich gehofft, die Experten sagen mir, daß ich bisexuell wäre. In meinem kranken Hirn dachte ich, daß dieses die Rettung wäre und ich mich dann natürlich für ein Leben mit meiner Frau entscheiden würde. Meine Gedanken kann ich gar nicht mehr aufschreiben, denn sie kreisten in meinem Kopf, gingen ins nirgendwo, um an einer anderen Ecke wieder aufzutauchen. Es war die pure Verzweiflung, man will nur Sicherheit seiner Gefühle und Gedanken, dabei ist man aber ganz auf sich gestellt. Niemand kann einem sagen, ob man schwul ist. Da gibt es keinen Test. Der prägnante Gedanke damals war sicher dieser:"Wenn ich schwul bin, dann will ich es nicht heimlich sein. Das bin ich meinem Sohn schuldig." Also habe meine Frau gebeten, mich gehen zu lassen. Meine Frau konnte das nicht verwinden und so kamen schreckliche Kämpfe vor Gericht mit den Anwälten...und leider auch mit meinem Sohn. Gerichtlich konnte ich klären, daß mein Sohn nicht nur alle 14 Tage über Wochenende bei mir war, sondern auch einmal Wochentags plus Übernachtung. Die Hälfte der Ferien war er ebenfalls bei mir. Und ich hatte eine Wohnung in direkter Nähe meines Hauses, ohne zu nah an der Ex dran zu sein. So konnte mein Sohn zwischen seiner Mutter und mir wechseln, ohne sein soziales Umfeld wechseln zu müssen. Leider mußte jede Kleinigkeit mühsam erstritten werden. Dabei habe ich bestimmt auch Fehler gemacht. Aber der Aggressor war meine Ex, die lt. ihrer Aussage "mich fertig machen wollte". Ich reagierte schließlich, als mir die Luft wegblieb. Mein Sohn wußte bereits mit 7 Jahren, daß ich Männer liebe. Ich stellte ihm meinen Freund vor und das war es dann. Mit 7 Jahren stellen Kinder noch keine großen Fragen und ich hatte bestimmt mehr Sorgen und Gedanken als mein Sohn. Irgendwann lernte er dann meinen zweiten Freund kennen und wir zogen eine Straße weiter in ein Mietshaus. Ja, so sieht jetzt also mein Leben aus. Inzwischen leben wir glücklich in unserem eigenen Haus. Mein Sohn wohnt nicht mehr in unmittelbarer Nachbarschaft, kommt aber immer noch zu mir. Er ist inzwischen 14 Jahre alt. Und wenn ich mir jetzt diese Geschichte noch einmal durchlese, kommt mir der Gedanke "Ja, dafür hat sich der Weg gelohnt!" |