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Christival Ich bin nervös, habe auch die letzte Nacht nicht gut geschlafen. Meine Gedanken kreisen in den letzten Tagen immer wieder um das „Christival“ und die gesammelten Informationen, die möglichen Argumentationen und Gegenargumentation, sowie die gereizte Stimmung auf beiden Seiten machen mich unsicher. Ein wenig bange ist mir schon, so kurz vor unserer Aktion vor dem Bahnhof. Wie werden die Menschen auf uns reagieren? Werde ich richtig argumentieren können? Kann ich überhaupt etwas bewirken?
So gehe ich direkt nach der Arbeit zum Infostand des Bündnisses „Freiheit für Vielfalt“. Alle sind bereits kräftig am Aufbauen und ich versuche ein wenig mitzuhelfen. Bald stehe ich mit anderen Helfern ein wenig ratlos herum. Dann fangen wir langsam an, die Flyer zu verteilen. Wir halten uns nahe am Stand auf, aber bald schon werden wir mutiger und erweitern unseren Aktionsradius. Dabei habe ich immer noch Angst vor Diskussionen, hoffe, dass mich niemand anspricht.
Sehr bald erkenne ich schnell die „Christivaller“ und gebe Ihnen gezielt unsere Infos. Ich sehe, wie unsicher auch sie sind. Sie haben ebenfalls ein wenig Angst, sind in einer fremden Stadt gerade angekommen und werden von unseren Plakaten direkt in Empfang genommen. Dabei reagieren sie durchaus freundlich und erste Gespräche zeigen, dass viele unserer Meinung sind. Manche ermutigen uns sogar, mit unserer Arbeit weiterzumachen.
Während also immer mehr Neuankömmlinge aus dem Bahnhof kommen, werde ich selbstsicherer und kann offen auf die Jugendlichen zu gehen. Ich grüße nett, zeige, dass ich nichts Böses will, und wünsche Ihnen eine schöne Zeit in Bremen, auch wenn sie meine Flyer ablehnen. Oft kommen sie Gruppenweise, wollen keine Broschüre und nehmen sie dann doch, wenn ich gegrüßt habe. Es macht langsam Spaß hier und das Wetter ist auch schön geworden. Als ein Reporter mich anspricht, verweise ich ihn an das Infozelt. So einfach geht das. Und als mich die ersten Jugendlichen kritisch ansprechen, kann ich Ihnen meine Position gut erläutern. Sie scheinen mit dem zufrieden zu sein.
So kann ich auch mit negativen Erlebnissen umgehen. Da gibt es diejenigen, die mich Fascho schimpfen, weil sie nur unsere Überschrift „Homosexualität ist heilbar“ lesen und nicht bis zu dem „und die Welt ist eine Scheibe“ kommen. Da gibt es jene, die über den Begriff „heilen“ debattieren. Da gibt es die (vorwiegend älteren) Christivaller, die mit eisigem Gesichtsausdruck an einem vorbeigehen.
Aber ich bin hier ja nicht alleine und wir passen aufeinander auf. Ich muss keine Angst haben und am Ende dieser Aktion bin ich guten Mutes, dass ich etwas Positives bewirkt habe.
Inzwischen sind bereits einige aus unserer Gruppe „Schwule Ehemänner, Väter und Freunde“ am Bahnhof angekommen und wir gehen gemeinsam zum verabredeten Treffpunkt. Dann geht es zur Demonstration, wo bereits viele von uns stehen. Viele von uns? Na, ich bin ein wenig kritisch, rufe mich aber zur Ordnung auf, denn Vorurteile sollen keinen Platz bei mir haben. Trotzdem sage ich leise zu Stephan, ich könne es gar nicht glauben, dass ich hier wäre.
Mit großer Verspätung geht es los und viele Absonderlichkeiten lassen mich argwöhnen. Es ist meine erste Demo, aber mir sind zu viele Menschen hier vermummt. Eine EA-Nummer wird durchgegeben, falls jemand verhaftet wird. Wir sollen laut Polizeianordnung zügig an dem Christival vorbeigehen. Wir sollen in bestimmten Gruppen gehen. Dann diese Schlachtrufe für die Feministinnen…Ich fühle mich hier irgendwie falsch am Platze, denke noch „Na ja, vielleicht geht es ja gut“.
Also gehen wir los und wir sind doch mehr, als ich erwartet hatte. Bald werden die Schlachtrufe auch von den Trommeln übertönt und der Rhythmus steckt an, beruhigt mich und weckt die gute Laune wieder. Nach kurzem Weg halten wir direkt vor der Christival-Bühne an, um wieder eine Ansprache zu hören. Warum hier ? Hier scheint es mir gefährlich. Ich sehe, wie immer mehr „Schwarzgekleidete“ sich auf meiner Höhe sammeln und sage zu Stephan und Uwe, dass wir lieber ein Stück zurück zu den anderen Vätern gehen wollen. Kaum dort angekommen, sehen wir, wie eine große Gruppe zum Christival läuft. Es sind auf einmal so viele!
Oh nein ! Nein, ich lehne so etwas ab. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Die machen mir alles kaputt. Weg hier. Ich will weg hier. Ich gehe und Stephan kommt hinterher. Er ist viel zu langsam. Hauptsache, wir kommen hier noch heile raus. Vorne sehe ich bereits die ersten Polizisten. Es wird eskalieren. Die machen meine ganze Arbeit kaputt. Ich hatte es doch gleich geahnt. Das war doch alles geplant! Angst und Entsetzen schlagen bald in Wut und Trauer um. Dafür habe ich nicht vier Stunden am Bahnhof Flyer verteilt. Dafür habe ich den Jugendlichen nicht versucht, die Angst zu nehmen. Jetzt müssen sie doch Angst haben.
Wir kommen gut durch den Bahnhof durch, sehen die Einsatzwagen noch an uns vorbeifahren. Eine Leere ist in mir. Ich bin enttäuscht und fühle mich hintergangen. Man hat mich belogen.
Am nächsten Tag höre ich, dass die Demo mit deutlicher Verspätung weiterging und friedlich blieb. Zwei Randalierer wurden verhaftet, ein Polizist leicht verletzt, ein Zaun niedergerissen und Böller geschmissen. Es verlief also noch mal glimpflich. Für mich bleibt ein schaler Nachgeschmack.
Olaf
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