CSD Oldenburg 2006

-Samstag, der 17.Juni 2006- CSD Nord-West in Oldenburg-

»Im Vorfeld hatten die Vätergruppen Bremen, Achim, Bremerhaven und Oldenburg beschlossen, an diesem CSD gemeinsam aktiv teilzunehmen. Unser Banner wurde also erweitert und ein Treffpunkt ausgemacht. Manche Väter trafen sich vorher noch zum gemeinsamen Brunch, auch das wird mittlerweile zur angenehmen Tradition. Allerdings fing der Tag nicht für alle schön an ...

...Der Tag fing wie immer mit Lärm an (der Wecker 6.45 Uhr), ein bisschen eilige "Kultura" (Bad + so). Ich habe noch bis mittags zu Arbeiten.

...Ein Blick aus dem Fenster ließ Schreckliches ahnen - es regnete in Strömen - und das sollte nur die Begleitmusik zum CSD Nordwest in Oldenburg werden. Die verschiedenen Wetterprognosen verursachten doch leichte Hoffnungsschimmer. Also setzten wir uns in den Zug - ließen den Regenschirm im Auto - ... und musterten unsere Mitreisenden, die- erkennbar zum größten Teil - wie wir den CSD zum Ziel hatten Mit Uwe und Magnus gesellte sich eine liebe Reisebegleitung zu uns und die Fahrt verging in unterhaltsamer Weise wie im Fluge.

...Schon bei der Zugfahrt von Bremen nach Oldenburg waren viele Schwule, Schwestern oder wie auch immer in ausgelassener Stimmung zu sehen.

...Mir ist immer noch ganz schlecht, wenn ich an das üppige Frühstücks-Buffet im "Schwan" denke, was wir genossen hatten, nachdem wir mit dem Regional-Express (Express ist wohl nicht ganz richtig) in Oldenburg angekommen waren. Mit Nieselregen und Kälte starteten wir - eine handvoll schwuler Väter - vom Bremer Hauptbahnhof, bepackt mit Kinderwagen und Banner. In Oldenburg war es dann wenigstens trocken und am Bahnhofsausgang wurden wir schon von ein paar Achimer schwulen Vätern erwartet. Küsschen hier, Küsschen da, ein Schluck Sekt und dann gingen wir direkt zum "Schwan". Hier war es schön warm - nicht nur von den Temperaturen. Auch hier wurden wir schon erwartet und nach und nach trafen immer mehr schwule Väter zu uns. Nach dem schon erwähnten üppigen Frühstück - fast zwei Stunden lang - zogen wir weiter zur Umzug-Sammelstelle in die Rosenstraße.

...Oldenburg empfing uns bedeckt und zugeknöpft, die Sonne war nicht zu sehen. Aber wo sollte denn der Zug durchgehen ? Oldenburg machte nicht einen gerade aufgeräumten Eindruck - die Innenstadt war eine einzige Baustelle. Erste Irritationen kamen auf - wie sollte denn in einem derartigen Umfeld eine gute gelöste Stimmung aufkommen. Dann hörten wir Musik, es ging los. Der Zug begann am Staugraben. Da Thomas und ich nicht vorhatten, von Anfang an die Vätergruppe zu begleiten, beobachteten wir, wie der Zug sich formierte. Es brauchte eine Weile, ehe die richtige Ordnung der Gruppen und Fahrzeuge erreicht war. Die schwule Vätergruppe, die zunächst die Spitze der Bewegung einnahm, wurde von dem Wagen der Grünen mit dem grünen Oberbürgermeisterkandidaten abgelöst. Ich konnte mich zeitweise nicht des Eindrucks erwehren, auf einer Wahlkampfveranstaltung zu sein.

»So prallen alle verschiedene Interressen aufeinander. Manche möchten einfach nur ihren Spaß, andere wollen Ziele formulieren und durchsetzen, dritte möchten Geld verdienen oder Kunden (Wähler) gewinnen. Jeder Teilnehmer nimmt diesen Umzug anders wahr...

...Hier konnten wir erste Eindrücke sammeln über unser buntes Völkchen. Bunt im wahrsten Sinne des Wortes: Zum Teil schrill, extravagant und exotisch, aber immer nett anzusehen. Immer mehr schwule Väter kamen nun zu uns. Aus der Handvoll schwuler Väter in Bremen startend war nun ein großer Tross geworden. Bald waren alle Gruppen vertreten: Bremen/Achim, Loxstedt-Bremerhaven und Oldenburg. Mit einer viertelstündigen Verspätung setzte sich der Demo-Zug in Bewegung. Für mich ist es immer wieder ein toller Moment, wenn sich so ein Demo-Zug in Bewegung setzt. Gleich zu Anfang hatten wir sehr viele Zuschauer links und rechts am Straßenrand. Von allen Seiten wurden wir fotografiert. Wenn man alle Fotos zusammenlegen würde, dann ergäbe es eine riesige Fotokollektion. Unserer Gruppe ließ sich nach kurzer Zeit hinter den Wagen der "Grünen" zurückfallen - der guten Musik wegen. Dadurch stieg die gute Stimmung innerhalb unserer Gruppe noch um einiges. Olaf und Jürgen zuckte es in den Beinen, so dass hin und wieder eine kesse Sohle aufs "Parkett" gelegt wurde. Olaf war überhaupt sehr aktiv. So wie er unserer Flyer mit Grazie und Humor an den Mann (Vater) gebracht hat, war es einfach hinreißend sehenswert. Sehenswert fand ich auch die vielen Drag-Queens (verdammt: Wie wird das geschrieben?). Und bewundernswert, wie man die ganze Zeit auf solch hohen Schuhen laufen kann. Selber hätte ich mir die Beine gebrochen.

...Man hat einige Bekannte getroffen, die man lange nicht gesehen hat. Die Stimmung in der Väter-Gruppe war super. Interessierte Gesichter an den Straßenrändern, bis Sie den Flyer erhielten, einige mußten dann doch schmunzeln. Viele verschiedene Themen bei dem Umzug: Wir die Väter, Biker, politische Parteien, Die Schwestern des Ordens der Perpetuellen Indulgenz (die ich schon im Waldschlößchen kennen lernen durfte) und viele andere. Es war eine schrille, bunte aber auch in- formative Truppe.

...Bedingt durch die Baustellen ging es auf dem Heiliggeistwall zunächst um die Innenstadt. Während die schwulen Väter und auch die anderen Gruppen ob die Rosa Tanzenden, oder die Männerfabrik, das Rat und Tat Zentrum Bremen oder der schwule Stammtisch Ammerland zunehmend in eine gelöste und heitere Stimmung kamen, sprang der Funken in die Zuschauermenge noch nicht so rüber - es lag wohl auch an der breiten Straße, dass die unmittelbare Kontakte zu den Zuschauern nur durch gezielte Initiativen möglich wurde. So war es immer eine außerordentliches Vergnügen zuzusehen, wie einzelnen in den Reihen der Zuschauer ein Lolly, ein Flyer oder andere Verhüterli überreicht wurden. Wenn Olaf einem stolzen Vater mit Kind in der Menge eine Info der Vätergruppe in betörender Weise übergab, konnten sie sich einfach nicht entziehen, sie lächelten und steckten den Flyer ein.
In der Enge der Innenstadt in der Haarenstrasse wurde die Menschen dann in den CSD einbezogen. Sie konnten sich nicht mehr der Präsenz der verschiedenen Gruppen entziehen und mussten zur Kenntnis nehmen, wie vielfältig die Welt auch in Hinblick auf sexuelle Orientierungen ist.

...Schnell zum Bahnhof, ich möchte so wenig wie möglich verpassen und *welch Wunder* der Automat im Bahnhof tut sofort was von ihm erwartet wird: er spuckt ein Ticket aus + gibt auch noch das Wechselgeld passend zurück.
Wunder der Technik
Der Zug ist stark frequentiert und es ist schon ziemlich "warm" hier drinnen. *Kicher*
Endlich in Oldenburg gibts den schnellen Griff in meine Innentasche um den Wegeplan des CSD noch kurz anzusehen, fast im Laufschritt durch die Rosenstraße. Es könnte ja sein, dass noch nicht alle unterwegs sind und ich die Möglichkeit habe den Zug von hinten nach vorne
*nette Vorstellung* zu scrollen, um unsere Gruppe zu finden.
War aber keiner mehr da!
Griff zum Handy "Hi mein Schatz, wo seid Ihr denn alle?"
"Ok, bis gleich, Küsschen!"
Ich laufe zum Schlossplatz, höre schon die Samba-Gruppe aus der Ferne trommeln, ein Banner bewegt sich auf mich zu, dahinter eine gut gekleidete herbe Schönheit im weißen Brautkleid, dann ein Wagen der FDP mit lauter Musik und........
Die kenn ich doch alle: mein Mann und die andern vom warmen Elternabend.

...Nach der halben Zeit des Laufens stieß dann endlich Helmut, mein Mann, zu uns. Es gibt eben noch Leute, die auch samstags arbeiten. Trotzdem scheuen sie keine Mühen und Kosten beim CSD mitzumachen. Als negativ fiel mir auf, dass der Zug zum Ende aus mir unerklärlichen Gründen immer wieder stoppte. Die zum Teil langen Stillstände nervten einfach. Als wir dann gegen 15:30 h beim Pferdemarkt ankamen, war es dann doch ganz, dass man noch etwas relaxen konnte. Unsere Gruppe hatte sich dann nun recht schnell aufgelöst und hin und wieder sah man noch den einen oder anderen Vater. Unser Regional-Express fuhr dann wieder um 18:10 h vom Oldenburger Hauptbahnhof und ein schöner Tag in Oldenburg neigte sich dem Ende.

..."Mille Bisses" ein wirklich herzlicher Empfang und natürlich gleich mitgegangen (lernt man doch so von Mami).
-Viele Blicke von Menschen die rechts und links des Weges stehen,
-vor einer Brücke auf einer Roste eine Marilin-Karikatur,
-weiße Engel
-schwarze Engel
-nackte Oberkörper
-lebende Aidsschleife (Super)
-Musik und Lärm
-Junx in Badehose (oje, zuviel Salat gegessen)
-bunte Fahnen
-zerrissene Hosen (oh, wie schrecklich schön)
-Damen in großer Robe
-Revue-Girls
-Uniformierte Frauen mit Schlagstock (wofür brauchen sie den?)
und, und, und....

»So nimmt man also viele neue Eindrücke auf, betrachtet die bunte Vielfalt, lacht und tanzt. Und dann kommen plötzlich doch ein paar ernste Gedanken. Warum sind wir hier ? Welchen Sinn hat so ein CSD ? Es ist schön zu erleben, wie Fröhlichkeit nicht das Ziel außer Acht läßt. Wir können uns errinern und wir blicken in die Zukunft....

....Zwischenzeitlich kamen in mir mehrfach Gedanken an die gerade durchgeführten CSDīs in Moskau und Warschau auf, die nicht so friedlich und harmonisch abliefen. In diesen Momenten habe ich mich sehr glücklich geschätzt, in einem Land zu leben, in dem ich mich mit Thomas nicht verstecken muss, einem Land, in dem es möglich ist, meinen Partner auch in der Öffentlichkeit meine Zuneigung zu zeigen.

Zunächst am Rande zu stehen, den Zug in seiner ganzen Länge zu sehen, viele Gesichter zu entdecken, liebe Bekannte nach langer Zeit einmal wieder zu sehen, das war schön - als wir im letzten Drittel des Marsches in die Vätergruppe eintauchten, war es wie ein Eintauchen in eine große Gemeinsamkeit. Kleine Befürchtungen, die sich zu Beginn vielleicht noch in einigen Bewußtseinsfältchen versteckt hielten, verschwanden völlig. Die Gelöstheit und die Freude dazu zugehören, sich bekannt zu haben, sich frei zu fühlen und dieses durch die Teilnahme auch zum Ausdruck zu bringen, das waren sehr schöne Gefühle.

...Eine tolle Party, ein toller Tag und abends noch ein kleiner Absacker zu Zweit!!

...Es war für uns das erste Mal, das wir mit liefen - es war nur ein kleiner solidarischer Beitrag unsererseits - aber er hat mir, er hat uns gut getan.

... Fazit: Leider bekommt man, wenn man im Zug mitläuft, vom selbigen nicht viel mit. Aber ich finde es wichtig, dass man Präsens zeigt, dass wir uns nicht verstecken. Nicht allen in Europa geht es so gut wie uns, denken wir an Warschau und den anderen osteuropäischen Ländern. In diesem Sinne: Auf Wiedersehen in Oldenburg zum CSD 2007.

»Danke an Helmut, Norbert, Jürgen und Heinrich für die Beschreibung Ihrer Eindücke !